Berlin-Tiergarten · 15. Oktober 2026

Soll das Prüfverfahren zum AfD-Verbot beantragt werden?

Die meisten Anwesenden wollten, dass das Bundesverfassungsgericht prüft. Gerungen wurde um die Folgen: Stärkt ein Verfahren am Ende die Demokratie oder die AfD?

So lief der Abend

  1. Einordnung

    Juristischer Impuls: Was Verfassungswidrigkeit heißt, wer den Antrag stellen kann.

  2. Ankommen

    An festen Tischen, angelehnt an ein World Café: „Was bringt dich heute hierher?“

  3. Gewinn und Sorge

    „Was wäre für dich der Gewinn eines Prüfverfahrens, und was ist deine größte Sorge dabei?“

  4. Perspektivwechsel

    „Welches Argument der anderen Seite kannst du am ehesten nachvollziehen?“

  5. Was trägt

    „Woran würdest du erkennen, dass mit dieser Frage gut umgegangen wird, egal wie sie ausgeht?“ Danach: Podiumsdiskussion.

Ankommen

Warum Menschen gekommen sind

  • Andere Sichtweisen hören, auch die der Gegenseite, und erleben, wie ein solches Gespräch geführt wird.

    In allen Gesprächen
  • Ungeduld: Warum ist noch kein Prüfverfahren beantragt?

    Mehrfach genannt
  • Sorge über die Stärke der AfD und rechter Parteien in anderen Ländern Europas.

    Mehrfach genannt
  • Ein Riss durch Familie oder Freundeskreis, mit dem man umgehen will.

    Mehrfach genannt
  • Hin- und hergerissen sein, oder die eigene Haltung schon mehrmals geändert haben.

    Mehrfach genannt
  • Solange niemand sagen könne, was nach einem Verbot geschieht, spreche das eher gegen einen Antrag.

    Einzelne Stimme

Eine Position für die AfD vertrat in den Gesprächen niemand. Was hier über AfD-Wählende steht, stützt sich auf Erfahrungen der Teilnehmenden aus Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft und Haustürgesprächen.

Worum gerungen wurde

Fünf Spannungsfelder

Die Gespräche drehten sich weniger um Ja oder Nein als um Abwägungen. Fünf davon zogen sich durch den ganzen Abend.

Klärung oder Bühne?

Was für ein Verfahren spricht

  • Nicht eine weisungsgebundene Behörde, sondern ein unabhängiges Gericht würde feststellen, ob die AfD verfassungswidrig ist.
  • Ein laufendes Verfahren würde die Brandmauer-Debatte „einfrieren“. Demokratische Parteien könnten auf das Gericht verweisen.
  • Gerade weil die Partei so groß geworden sei, müsse man es jetzt versuchen.

Was dagegen zu bedenken ist

  • Ohne Verbot könnte die AfD das Urteil als „Persilschein“ nutzen: „Ihr habt uns geprüft, und wir sind es nicht.“
  • Ein jahrelanges Verfahren biete der Partei eine Bühne, sich als Opfer darzustellen und das Gericht in Zweifel zu ziehen.
  • Eine Person: Die AfD sei womöglich schon zu groß für ein Verfahren.

Im Raum überwog der Wunsch nach einer gerichtlichen Klärung. Die Sorge vor einem Scheitern kam in allen Gesprächen auf. Eine Gegenstimme hielt ein Scheitern für unmöglich: Entweder werde die Partei verboten, oder sie könne sich demokratisieren.

Schutz vor Gewalt oder Anlass für Gewalt?

Was ein Verbot schützen würde

  • Neonazis würden von der Macht ferngehalten. Demokratische Kräfte wären rechter Gewalt weniger ungeschützt ausgesetzt.
  • Mandate entfielen, Vermögen würde eingezogen, Nachfolgeorganisationen wären mitverboten.
  • Wer von Anfeindung betroffen ist, auch Lehrkräfte unter Druck, fühle sich gesehen und gestärkt.

Was ein Verbot auslösen könnte

  • Ohne parlamentarischen Rahmen könnten Teile der Anhängerschaft in den Untergrund gehen, gewaltbereiter als heute.
  • Wem das „Sprachrohr“ genommen wird, bei dem könne Ohnmacht in Wut umschlagen. Einzelne befürchteten bürgerkriegsähnliche Zustände.

Im Raum wurde Gewalt auf beiden Seiten der Abwägung ernst genommen: als Grund für ein Verbot und als mögliche Folge. Eine Person hielt dagegen, rechtsextreme Straftaten stiegen schon jetzt, das müsse die Gesellschaft aushalten.

Verbieten, ohne herabzusetzen

Die Regeln gelten

  • Artikel 21 des Grundgesetzes sehe ein Verbotsverfahren ausdrücklich vor.
  • Man habe ein Recht darauf, dass nur Parteien zur Wahl stehen, die auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen.
  • Wer Demokrat sei, folge Gesetzen. Stelle ein Gericht die Verfassungswidrigkeit fest, müsse man das akzeptieren.

Die Menschen dahinter

  • „Man nimmt mir etwas weg“: Wer die AfD gewählt hat, könne ein Verfahren als Angriff auf die eigene Stimme und Identität empfinden.
  • Wer sich herabgesetzt fühlt, reagiere mit Wut oder ziehe sich zurück und sei dann nicht mehr erreichbar.
  • Nachvollziehbar seien reale Sorgen: steigende Preise und Mieten, marode Schulen, nach 1989 gebrochene Lebensläufe, im Osten wie im Westen.

Im Raum gelang der Perspektivwechsel oft bis zu einer Grenze. Eine Person konnte die Wut über die Herabsetzung vollkommen nachvollziehen, sah aber nicht ein, dass die übrige Bevölkerung deshalb „mit Händen im Schoß“ zusehen müsse.

Ein Verfahren oder bessere Politik?

Was ein Verfahren leisten kann

  • Ein Prüfverfahren zeige, dass Politik handlungsfähig ist und die Demokratie sich schützt.
  • Schon die Debatte über einen Antrag bremse den Rechtsruck. Während des Verfahrens müsse die AfD radikale Kräfte stärker zügeln.
  • Es könne ein „Startschuss“ sein, danach Menschen von der Demokratie zu überzeugen.

Was es nicht leisten kann

  • Die Gründe, die AfD zu wählen, verschwänden mit der Partei nicht. Das Gedankengut suche sich neue Formen.
  • Ein Verfahren sei nur „eins von tausenden Puzzleteilen“. Befürchtet wurde, die Politik lehne sich nach dem Antrag zurück.
  • Andere Demokratien gingen andere Wege als ein Parteiverbot.

Im Raum bestand weitgehend Einigkeit: Ein Verfahren ergänze die politische Auseinandersetzung, ersetze sie aber nicht. Eine Person sah dagegen keine andere Konsequenz als ein Verbotsverfahren.

Erklären oder erreichen?

Demokratie erklären

  • Viele wüssten wenig über das Grundgesetz. Demokratie müsse in Schulen und Hochschulen viel stärker vermittelt werden.
  • In Debatten über Verfassungsrecht solle immer jemand die Rechtslage einordnen.

Menschen erreichen

  • Demokratische Parteien müssten Menschen auch über Gefühle ansprechen, nicht nur mit Fakten. Die AfD biete ein Ventil für Wut.
  • Wo Gaststätten, Treffpunkte und demokratische Parteien verschwunden seien, stehe die AfD auf dem Marktplatz, etwa mit einem Würstchenstand.
  • Wer ein Problem meldet, etwa ein Schlagloch, solle erleben, dass es schnell behoben wird.

Offen blieb, wie man Menschen erreicht, die sich Gesprächen wie diesem verweigern. Gewünscht wurde beides: Demokratie erklären und sie im Alltag spürbar machen.

Die Frage hinter allen Fragen

Was geschieht mit den Menschen, die die AfD gewählt haben?

Sie tauchte in allen Gesprächen auf, und keines konnte sie beantworten: Die Menschen blieben, die Mandate wären weg. Wie werden ihre Anliegen nach einem Verbot vertreten, und wie holt man sie in demokratische Prozesse zurück?

Was trägt

Was die Teilnehmenden vorschlagen

  • Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung

    Eine Mehrheit für den Antrag finden, und zwar zügig, solange das „Window of Opportunity“ offen sei. Das Verfahren erklären und dafür einstehen.

  • Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung

    Alle Parteien prüfen lassen, damit die AfD nicht als einzige herausgegriffen wird und sich nicht als Opfer darstellen kann.

  • Politik

    Direkte Beteiligung ergänzen: Volksbegehren und Volksabstimmungen zu einzelnen Politikfeldern, damit Mitsprache auch nach einem Verbot möglich bleibt.

  • Demokratische Parteien

    Sichtbar und nahbar handeln, eigene Themen besetzen und Sprache und Ton der AfD nicht übernehmen. Kleine sichtbare Erfolge nähmen Angst.

  • Politik, Medien

    Eine eigene Erzählung zur Migration: Zugewanderte arbeiten als Ärztinnen, Pflegekräfte und Kollegen. Solche Geschichten würden kaum gesehen.

  • Schule, Hochschule

    Demokratiebildung stärken und eine Wertedebatte führen, die beim Grundgesetz ansetzt.

  • Zivilgesellschaft

    Räume zum Streiten schaffen, in denen Menschen in sicherer Umgebung über ihre Sorgen sprechen können, und Initiativen stärken, die zeigen, dass die Demokratie lebendig ist.

  • Jede und jeder

    Mit den Nachbarn reden, auch dort, wo man sich gut versteht, aber über Politik schweigt. Über soziale Gerechtigkeit gelinge der Einstieg leichter.

Zum Schluss

Was die Teilnehmenden mitnehmen

Am Ende der Gespräche

  • Eine Person sagte, ihr Für und Wider sei differenzierter geworden. Volksabstimmungen als Ergänzung habe sie vorher nicht bedacht.
  • Eine Person nannte es eine Bereicherung, sich in die Lage von AfD-Wählenden versetzt zu haben. Das habe sie vorher zu wenig getan.
  • Eine Person sagte, ihre Angst vor gesellschaftlicher Spaltung nach einem Verfahren sei eher gewachsen.
  • Eine Person stellte fest, an der Frage, was nach einem Verbot geschieht, habe sich wenig geändert. Es gebe aber erste Ideen für eine Antwort.

Offen geblieben

  • Warum haben Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung bislang keinen Antrag gestellt, und wer sollte ihn stellen?
  • Was geschieht mit den Geldern der AfD, wenn sie verboten wird?
  • Wie erreicht man Menschen, die sich Gesprächen wie diesem verweigern?
  • Wie lässt sich das Thema Migration demokratisch bearbeiten, statt es den Rechtsextremen zu überlassen?

Moderation

  • Saskia Howe

    Saskia Howe ist selbstständige Moderatorin und Prozessbegleiterin. Seit über zwölf Jahren gestaltet sie Gespräche und Workshops für Führungsteams, mittelständische Unternehmen, gemeinnützige Organisationen und Bildungseinrichtungen.

  • Lena Euchenhofer

    Lena Euchenhofer ist freiberufliche Organisationsberaterin und Moderatorin. Sie begleitet Organisationen und Teams in Veränderungsprozessen. Ihr liegt besonders daran, Räume zu schaffen, in denen Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven in konstruktiven Austausch kommen.

  • Andrea Bandelow

Zu dieser Dokumentation: Ziel des Abends war, einander zuzuhören und zu verstehen, nicht zu diskutieren oder künstliche Einigung zu schaffen. Sie gibt die Tischgespräche wieder, nicht die Podiumsdiskussion. Namen und erkennbare Angaben zu einzelnen Personen wurden nicht übernommen. Aussagen geben Einschätzungen der Teilnehmenden wieder, keine geprüften Tatsachen. „In allen Gesprächen“, „Mehrfach genannt“ und „Einzelne Stimme“ zeigen, wie verbreitet ein Gedanke war, nicht, wie richtig er ist.

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