Berlin-Lankwitz · 24. September 2026

Soll das Prüfverfahren zum AfD-Verbot beantragt werden?

Fast alle Anwesenden wollten, dass das Bundesverfassungsgericht prüft. Gerungen wurde um etwas anderes: Wie schützt man die Demokratie, ohne die Menschen zu verlieren, die sich von ihr abgewandt haben?

So lief der Abend

  1. Einordnung

    Juristischer Impuls: Was Verfassungswidrigkeit heißt und wer den Antrag stellen kann.

  2. Ankommen

    An festen Tischen, angelehnt an ein World Café: „Was bringt dich heute hierher?“

  3. Gewinn und Sorge

    „Was wäre für dich der Gewinn eines Prüfverfahrens, und was ist deine größte Sorge dabei?“

  4. Perspektivwechsel

    „Welches Argument der anderen Seite kannst du am ehesten nachvollziehen?“

  5. Was trägt

    „Woran würdest du erkennen, dass mit dieser Frage gut umgegangen wird, egal wie sie ausgeht?“ Danach: alle Tische im Plenum.

Ankommen

Warum Menschen gekommen sind

  • Erleben, wie man über ein so strittiges Thema überhaupt noch miteinander redet.

    In allen Gesprächen
  • Argumente sammeln, um im Alltag nicht nur emotional antworten zu müssen.

    Mehrfach genannt
  • Angst vor der politischen Entwicklung und den jüngsten Wahlergebnissen.

    Mehrfach genannt
  • Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts der Entwicklung, und die Frage, warum noch kein Verfahren beantragt wurde.

    Mehrfach genannt
  • Später nicht von den eigenen Kindern hören, man habe nichts unternommen.

    Einzelne Stimme
  • Unentschlossen sein: Ein Verfahren gebe es nur einmal, reicht die Grundlage?

    Einzelne Stimme

Wer die AfD wählt oder ein Verfahren ablehnt, war nach Wahrnehmung der Anwesenden nicht im Raum. Was hier über die andere Seite steht, stützt sich auf die Erfahrungen der Teilnehmenden.

Worum gerungen wurde

Fünf Spannungsfelder

Die Gespräche drehten sich weniger um Ja oder Nein als um Abwägungen. Fünf davon zogen sich durch den ganzen Abend.

Klärung oder Bestätigung?

Was für ein Verfahren spricht

  • Ein Gericht stellt Tatsachen fest. Ausflüchte wie „das haben wir nie gesagt“ wären nicht mehr möglich.
  • Ein Urteil habe für unsichere Wählende mehr Gewicht als einzelne Medienberichte.
  • Bundestag, Bundesrat oder Bundesregierung verbieten nichts selbst. Sie lassen das Bundesverfassungsgericht prüfen.

Was dagegen zu bedenken ist

  • Führt das Verfahren nicht zum Verbot, könnte die AfD es als „Persilschein“ nutzen.
  • Ein Verfahren gebe es nur einmal. Werde es zu früh begonnen, gebe es kein zweites.

Im Raum überwog der Wunsch nach Klärung. Ob die Beweislage schon reicht, blieb umstritten.

Die Partei ist weg, das Gedankengut bleibt

Was ein Verbot bewirken würde

  • Die Partei müsste sich auflösen, ihr Vermögen würde eingezogen. Geld für Apparat und Propaganda fiele weg.
  • Nachfolgeorganisationen wären mitverboten.

Was es nicht bewirken würde

  • Gewaltbereite Kräfte könnten sich außerhalb einer Partei organisieren, nicht mehr an Regeln gebunden.
  • Die Haltung vieler Menschen verschwinde nicht, sie suche sich neue Wege.

Im Raum bestand Einigkeit: Ein Verbotsverfahren allein reicht nicht. Was danach kommt, fehle in der öffentlichen Debatte.

Die Demokratie schützen, die Menschen nicht verlieren

Schutz

  • Die Verfassung sehe ein Verbot vor, die wehrhafte Demokratie müsse es nutzen.
  • Die Würde aller Menschen nach Artikel 1 des Grundgesetzes stehe nicht zur Abstimmung.
  • Eine Person: Die Demokratie sei wichtiger, als alle einzubinden.

Die Menschen dahinter

  • Wer gewählt hat, könne ein Verbot als Eingriff in die eigene Stimme empfinden.
  • Viele fühlten sich nicht gehört und abgehängt, für sie sei die AfD ein Ventil.
  • Wer die AfD wählt, könnte sich nach einem Verbot erst recht als Opfer fühlen.

Im Raum wurde beides verbunden: AfD-Wählenden erklären, warum ein Verbotsverfahren nötig ist und dass es sich nicht gegen sie richtet, und zugleich ihre soziale Lage ernst nehmen. Den Perspektivwechsel beschrieben Teilnehmende selbst als schwer.

Argumente oder Gefühle?

Sachlich aufklären

  • Viele kennten weder das Verfahren noch die Wahlprogramme.
  • Vorgeschlagen wurde eine sachliche Information der Bevölkerung, etwa in einer Ansprache des Bundespräsidenten.

Gefühle ernst nehmen

  • Für manche sei die AfD ein Hoffnungsträger: „Die sehen mich, die verstehen mich.“
  • Belehrendes Auftreten treibe Menschen, die sich gegängelt fühlen, eher in die Arme der Partei.
  • Genannt wurden Heilung und Versöhnung für Kränkungen, die im Osten bei der Wiedervereinigung entstanden sind.

Offen blieb, ob sachliche Argumente auffangen können, was auf der Gefühlsebene entstanden ist. Gewünscht wurden eigene Hoffnungsbilder, die zeigen, dass Veränderung möglich ist.

Abwarten oder handeln?

Warum die Politik zögert

  • Vermutet wurde Angst vor einem Scheitern und vor den Wählenden.
  • Ein Verfahren dauere Jahre und binde Kräfte, die anderen Themen fehlen.

Warum nicht länger warten

  • Es gebe ein „Zu spät“. Das Verfahren solle mit hoher Priorität geführt werden.
  • Unverständlich sei, dass Landesverbände als verfassungsfeindlich eingestuft sind, ohne dass etwas folgt.

Im Raum war die Dringlichkeit unstrittig. Unterschiedlich gesehen wurde der Weg: mehr Demonstrationen oder gezielte Gespräche mit der CDU.

Die Frage hinter allen Fragen

Was kommt nach einem Verbot?

Sie tauchte in allen Gesprächen auf, und keines konnte sie beantworten: Wie geht eine Gesellschaft mit den Menschen um, die eine verbotene Partei gewählt haben?

Was trägt

Was die Teilnehmenden vorschlagen

  • Bundestag, Bundesrat, Bundesregierung

    Verbotsverfahren beantragen und schnell, gründlich und transparent führen. Verfassungsschutzberichte und Schriftsätze offenlegen.

  • Politik

    AfD-Wählende direkt ansprechen und erklären, warum das Verfahren nötig ist. Soziale Sicherheit stärken, damit weniger Menschen an die Ränder tendieren.

  • Bundesregierung, Bundespräsident

    Sachlich informieren, wie ein Verbotsverfahren abläuft und was es bedeutet.

  • Politik, Schule

    Die Macht der Tech-Konzerne begrenzen, deren Algorithmen aufwühlende Inhalte bevorzugen, und Medienkompetenz in den Unterricht bringen.

  • Zivilgesellschaft

    Initiativen gegen rechts bündeln, Abgeordneten schreiben, um sie im Mut zu einem Verfahren zu bestärken.

  • Jede und jeder

    Mit Fragen ins Gespräch gehen: „Was bedroht dich?“ statt sofortigem Widerspruch. Über ein konkretes Problem im Alltag gelinge der Einstieg leichter als über das Wahlergebnis.

Zum Schluss

Was die Teilnehmenden mitnehmen

Aus der Schlussrunde

  • Eine Person nahm die Frage nach einem Prüfverfahren mit nach Hause. Es mache ihr Mut, mit anderen darüber zu reden.
  • Eine Person freute sich, dass die Ideen an den Tischen so ähnlich waren, und bedauerte zugleich, dass die Runde meinungsmäßig unter sich blieb.
  • Eine Person sagte, das Problem sei vielschichtig. Es reiche nicht, sich zu unterhalten, man müsse handeln.
  • Eine weitere Person schloss sich an: Ziel müsse sein, mit mehr Menschen ins Gespräch zu kommen und Bündnisse zu bilden.

Offen geblieben

  • Warum haben Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung bislang keinen Antrag gestellt?
  • Wie geht man nach einem Verbot mit Anhängerinnen, Anhängern und Wählenden um?
  • Können sachliche Argumente auffangen, was auf der Gefühlsebene entstanden ist?
  • Wie gewinnt man Menschen mit anderer Haltung für ein solches Gespräch?

Moderation

  • Saskia Howe

    Saskia Howe ist selbstständige Moderatorin und Prozessbegleiterin. Seit über zwölf Jahren gestaltet sie Gespräche und Workshops für Führungsteams, mittelständische Unternehmen, gemeinnützige Organisationen und Bildungseinrichtungen.

Zu dieser Dokumentation: Ziel des Abends war, einander zuzuhören und zu verstehen, nicht zu diskutieren oder künstliche Einigung zu schaffen. Namen und erkennbare Angaben zu einzelnen Personen wurden nicht übernommen. Aussagen geben Einschätzungen der Teilnehmenden wieder, keine geprüften Tatsachen. „In allen Gesprächen“, „Mehrfach genannt“ und „Einzelne Stimme“ zeigen, wie verbreitet ein Gedanke war, nicht, wie richtig er ist.

· Berlin (Lankwitz)